Literatur als Therapeutin deiner Gefühle – ein Beitrag zum Welttag des Buches

” Eine Kindheit ohne Bücher wäre keine Kindheit.

Es wäre, als ob man aus dem verzauberten Land ausgesperrt wäre.”

(Astrid Lindgren)

 

Die Literatur als Therapeutin deiner Gefühle

von

Ruth Stahlmann

 

Wenn sich jemand fragt, wozu Literatur überhaupt da ist, kann dieser jemand in seinem Leben nicht viele Bücher gelesen haben. Oder zufälligerweise immer nur die Falschen. Denn sonst wüsste er, was die Welt der Literatur für ein berauschendes Gefühl in einem loslöst. Man lässt sich vollends in seine eigene Phantasie fallen und gibt das Vertrauen an die Seiten des Buches ab.

Während früher die Bücher noch als Mittler der Wissenschaft, Religion und Philosophie galten, kann man selbst das Alte Testament heutzutage auf Wikipedia nachlesen. Aber auch das schlichte „Amüsieren des Lesers“ wäre als einziger Nutzen der Literatur viel zu vereinfacht. Es bietet ein Feld voller Möglichkeiten und hat sich dabei aus den eigenen Hoffnungen abgehoben. Literatur kann vielleicht nicht die Welt verändern, hat aber trotzdem ihren eigenen lebensnotwenigen Nutzen. Mario Llosas beschreibt in seiner Rede zum Nobelpreis die Literatur als ein Leben aus Lügen. Viele assoziieren Lügen mit etwas Negativem, aber hier soll es allein das Erwecken von unbekannten Sehnsüchten darstellen. Die Phantasie des Lesers wird so zum Lodern gebracht, dass in ihm ein Feuer explodiert. Dieses Feuer brennt vor Verlangen, selbst die Abenteuer und Leidenschaften des Protagonisten zu durchleben. Literatur reißt Leser aus der stinknormalen Realität heraus. In einem Moment sitzen sie noch vor einem von Arbeit übersäten Schreibtisch im Büro, und im anderen sind sie machtlos der Zauberwelt unterlegen. Der Nobelpreisträger ist davon überzeugt, dass die Leser dadurch eine unmögliche Existenz führen können. Allein mit ihrer Vorstellungskraft. Denn diese nimmt nie ein Ende, genauso wenig wie ihre Geschichten. Wir springen von einem Buch zum anderen. Mal im wilden Galopp und dann im sanften Trapp. Durch dieses Träumen dürfen wir uns für eine kurze Zeit wie ein Superheld fühlen, der das unmögliche möglich macht.

Doch um das überhaupt möglich zu machen, brauchen wir Talente. Wahre Buchstabenjongleure, Wörtervulkane und Sprachkünstler die mit ihrem meisterhaften Geschick den Leser gleichzeitig zum Heulen und zum Schreien zu bringen. Sie können die Komplexität der Welt so erfassen, dass sie auf einige hundert Seiten eines Buches passt. Denn Literatur gehört zu den wichtigsten Wegen hin zur eigenen Weltvorstellung. Und wenn wortgewandte Mentoren dir ein Handbuch über diese Welt in Form eines Krimithrillers oder Erotikromans geben, fällt es einem doch schon viel leichter, diesen Weg zu gehen.

Und trotzdem ist für den ein oder anderen die komplexe Welt, in der er sich doch befindet, zu einschüchternd. Der Literaturkritiker Reich-Ranicki beschreibt zwei Wege, die der Leser einschlagen kann. So führt der eine Weg direkt zum Ziel. Ohne einen Bildträger wird die Information sofort an den Suchenden weitergeleitet. Warum dann also sich für den Umweg entscheiden? fragt sich Reich-Ranicki. Dieser Weg dauert nämlich länger, führt dabei aber an einer wunderschönen Landschaft vorbei mit tollem Ausblick auf das Meer. Entscheidest du dich für die Autobahn oder die Landstraße?

Denn niemand anderes kann die unbewussten Gedanken des Lesers so gut aussprechen, wie die Literatur. Jorge Volpi verleiht der Literatur den Namen Emotionsmaschine. Und diesem Namen macht sie alle Ehre. Wenn selbst die Wissenschaft nicht mehr weiter weiß, so Reich-Ranicki, bleibt die Lösung nur noch in der Literatur zu finden. Keine Statistik der Welt kann das explosiv berauschende Gefühl der ersten Liebe so gut beschreiben, wie ein kitschiger Liebesroman. Damit wird die Literatur zu der persönlich abgestimmten Therapeutin deiner Gefühle.

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